Bitte beruhigen sie sich nicht

Projekt Beschreibung

Der folgende Echomar-Text ist das Vorwort in der Publikation der TU München  „SOFTCITY Studio“ von Prof.-Dr. Cary Siress. In dem Buch wird das Designstudio „SoftCity“, das 2012 an der TU München statt fand und von Prof.-Dr. Cary Siress und Dr. Matthias Stippich geleitet wurde, beschrieben. Das Vorwort kann als eine Zusammenfassung der Echomar-Position zum Thema Architekturlehre verstanden werden.

 

 

B I T T E   B E R U H I G E N   S I E   S I C H   N I C H T  ! ! !

Warum es in der Architekturausbildung Positionen und nicht nur Ideen braucht.

 

 

ERFÜLLUNGSGEHILFEN. Jaques Herzog sagte einst gegenüber einer renomierten Architekturzeitschrift, dass es in Zukunft nur noch Stararchitekten und Erfüllungsgehilfen der Auftraggeber geben würde. Folgt man dieser Logik, dann müsste die Ausbildung junger ArchitektInnen und StadtplanerInnen auf das räumliche Erfüllen von definierten Vorgaben ausgerichtet sein. Wenn man sich den allgemeinen Hochschulbetrieb genauer betrachtet, scheint Sie auch genau das zu sein. Hatte Jaques Herzog also recht? Warum sind die Ergebnisse, die dieser so motivierte, intelligente und talentierte Nachwuchs produziert, einerseits so schön in ihrer Form, so perfekt dargestellt und inszeniert, andererseits dann doch so langweilig, austauschbar und wenig relevant in Ihrem Ergebnis?

 

HARD CITY – das Primat der Form. Die ureigenste Motivation und damit die Grundlage der Architekturausbildung ist nach wie vor die Produktion von Raum. Als Konsequenz dieser Grundlage ist die Generierung von Form das Ziel der Ausbildung. Maßgeblich für Generierung von Form sind aber die Vorgaben, die sowohl in der Ausbildung, als auch im Arbeitsalltag gemacht werden. Diese Formen werden schließlich danach bewertet wie stringent, elegant oder außergewöhnlich sie die Vorgaben erfüllen. So sind die Ergebnisse, so funktional, poetisch und schön sie auch sein mögen, stets mehr oder weniger das Abbild des Partikularinteresses des Vorgebenden. Das scheint natürlich konsequent, schließlich ist der Vorgebende in der Machtposition, Vorgaben zu geben, sei es aufgrund der Hierarchie des Professoren-Studenten-Verhältnisses, sei es in der Hierarchie des Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnisses im Arbeitsalltag. Das macht uns also zu Erfüllungsgehilfen. Darum bilden wir also Erfüllungsgehilfen aus. Wie konnte es soweit kommen? War das schon immer so? Haftet Architekten nicht auch immer der Ruf an, Idealisten und notorische Weltverbesserer zu sein? Doch das tut er. Und zwar zurecht. Die Lösung einer Aufgabe kann auch in der Nichterfüllung der Vorgaben liegen. Manchmal werden auch Lösungen entwickelt, für die noch gar keine Aufgaben gestellt wurden. Und manchmal tragen auch stringente, elegante und außergewöhnliche Lösungen dazu bei, Falsches zu schaffen. Wollen wir uns also zukünftig aus der Position des Erfüllungsgehilfen emanzipieren, müssen wir junge ArchitektInnen dazu ermutigen, sich mit komplexen und schwierigen Realitäten jenseits der Form auseinander zu setzen. Sie auffordern, nachzudenken, statt zu folgen. Widerstand zu leisten. Position zu beziehen.

 

SOFT CITY – das komplexe Undefinierte. An diesem Punkt startet unser Soft-City-Entwurfsansatz. Es geht um die Entwicklung einer Stadt, die mehr als nur die Summe ihrer Gebäude ist, ebenso wie die Gesellschaft mehr als die Summe ihrer Partikularinteressen ist. Wenn man so will, ist die Soft City das, was übrig bleibt, wenn man das Gebaute von der Stadt abzieht. Die Soft City, in Ihrer Komplexität umfassend zu begreifen, ist weder möglich, noch nötig. Wir versuchen, sie in ihren Teilaspekten zu begreifen und uns ihr anzunähern.

Bei diesem Annäherungsversuch stoßen wir sehr schnell an die Grenzen unserer Profession. Das ist unangenehm. Das macht angreifbar. Das tut weh. Doch ist es nicht gerade eine der Schlüsselqualifikationen eines Architekten, jenseits dieser Grenzen das Große und Ganze im Auge zu behalten und zielgerichtet verfolgen zu können? Es ist unsere Aufgabe, jenseits der Einzelinteressen von Investoren oder Consultants unsere Funktion als Sachwalter gesellschaftlicher Interessen wahrzunehmen. Das ist es auch, was eine Utopie von einer architektonischen Idee unterscheidet: Sie umfasst weit mehr als nur das Gebaute. Vor allem in den Aufbruchbuchzeiten nach durchstandenen Krisen hatten die Utopien von Thomas Morus über Tommaso Campanella, von Ebenezer Howard bis LeCorbusier und von Frank Llyod Wright bis hin zu Archigram eine enorme Bedeutung für die Entwicklungen der Stadt und der Gesellschaft. Die Utopien lösen in ihrem ursprünglichen Wortsinn (dem „Nicht-Ort“) die Vorstellung von Stadt und Raum von den jeweils herrschenden Machtverhältnissen. Sie lösen die Stadt von ihren Einzelformen.

Das Entwickeln von Utopien ist heute ungleich schwerer, als es zu Zeiten von Thomas Morus war. Die Realitäten sind desillusionierend und ungeheuer komplex. Das Spartenwissen ist zwar enorm, die Bildung einer übergeordneten Idee jedoch schwierig. Dennoch war es selten wichtiger als heute, in den Zeiten ökologischer (Klimawandel), ökonomischer (Finanz- & Schuldenkrise) und politischer (Occupy & arabischer Frühling) Systemkrisen, die Komplexitäten zu vereinen und den Versuch zu wagen, eine Utopie für die Stadt von morgen zu entwickeln. Es geht darum, sich angreifbar zu machen und eine Position zu beziehen. Die Form wird dabei letztendlich sekundär. Sie wird zum Medium, über das man Kritik oder Unterstützung formulieren kann. Man kann die Form bewusst für oder gegen eine existierende Situation formulieren. Dieses Experiment haben wir mit den Studenten der Soft-City-Designclass der TU München 2012 gewagt.

 

POSITION BEZIEHEN. Um eine Position zu beziehen, brauchen Studenten etwas, woraus sie ihre eigene Haltung entwickeln können, für oder gegen das sie kämpfen können. Aus einer Reihe zeitgenössischer Highlights der Stadtplanung wie OMA‘s Melun Senart, dem Parc de la Vilette, der New Yorker Highline, Masdar oder Bilbao entwickelten Sie dann streitbare Positionen, die Sie für oder gegen die Projekte bezogen. Diese Standpunkte wurden dann in Form von Manifesten komprimiert. Die ganz starke plakative Verkürzung, wie auch die politischen Implikationen, die dieses Format beinhaltet, qualifizierten es als ideales Medium für die Darstellung der Positionen. Aus diesen sehr durchdachten und kontrovers diskutierten Manifesten entwickelten sich spektakuläre, polarisierende und teilweise auch provokante Vorstellungen, wie die Stadt der Zukunft aussehen kann und was für wechselseitige Auswirkungen Stadt und Gesellschaft zukünftig haben werden. Die diagrammetrische Ausformulierung in Gebäudekörper, die für gewöhnlich ganze Semester belegt, fand letztendlich beinahe beiläufig und selbstverständlich statt.  Die Form wird zum Werkzeug der Utopie. Das Soft-City-Studio TUM 2012 will Provokation, Experiment und Prototyp sein. Emanzipiert Architekturstudenten von der Form, dann emanzipiert ihr die Stadt der Zukunft vom Formalismus.

 

 

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